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Hundeschule Rostock


"Pflicht"wissen


Die Rudelordnungsphase (5. und 6. Lebensmonat)


Animation So sind nun alle Voraussetzungen gegeben, um die soziale Partnerschaft mit den Eltern zu einer straffen Rudelorganisation auszubauen, in der die Junghunde bereits vollwertige Jagdpartner werden. Bei den Wölfen fällt diese Zeit in die Herbstmonate, im Norden wird es schon Winter. Im Hauptverbreitungsgebiet der Schakale setzen die Regenfälle ein, die Herden der großen Weidetiere wandern; ihnen folgen die großen Raubtiere, denen sich die Schakale anschließen. Auch bei den Dingos wird es um diese Zeit Winter.

So ist ein sehr enger Zusammenhalt der nunmehr weitere Streifzüge und Wanderungen unternehmenden Wildhundarten lebensnotwendig. Die Vorrangstellung der zu Rudelführern gewordenen Eltern muß eingespielt sein. Und bei den Jungen ist die Rangordnung geklärt, die auch Grundlage für die Arbeitsteilung auf der gemeinsamen Jagd wird. Damit sind alle Voraussetzungen zur Sicherung der Rudelexistenz gegeben.

Die von Konrad Lorenz beobachtete Tatsache, daß stärker wolfsblütige Hunde - die "Einmannhunde" - in diesem Alter sich für immer an einen Herrn binden, ist in diesem Zusammenhang besonders interessant. Es ist nämlich gut vorstellbar, daß eine solche Prägung auf den Leitwolf, die zu einer unverbrüchlichen Gefolgschaftstreue führt, mit zur Sicherung des Daseinskampfes gehört. Gewöhnlich wandern, wie wir noch sehen werden, die Jungwölfe nach dem Winter ab und streifen auf eigene Faust umher. In manchen Gebieten mag es aber sinnvoll sein, wenn man in größeren Rudeln jagt. Alttiere und Jungtiere eines Wurfes bringen bestenfalls eine Kopfstärke von acht zusammen. Wenn sich nun die Jungwölfe des Vorjahres wieder einfinden und zugesellen, so ergibt das eine größere Kampfstärke, wozu kommt, daß die Vorjährigen entsprechend erfahrener sind. Bekannt ist auch, daß die Welpensterblichkeit bei den Wölfen recht groß ist, und es ist durchaus möglich, daß einmal ein ganzer Wurf zugrunde geht. Die Altwölfe müßten dann zu zweit mit der winterlichen Jagd auf Großwild fertig werden, was sicher wenig Erfolg bringt. Kommen nun die Jungwölfe vom Vorjahr dazu, wird das schon einfacher, und es ist auch auf Grund einzelner Daten aus Freilandbeobachtungen gut denkbar, daß selbst noch ältere Nachkommen des betreffenden Eltempaares sich erneut einfinden, vor allem dann, wenn sie selber kinderlos geblieben sind. So mag diese Gefolgschaftstreue dazu beitragen, daß sich die Sippe in Notzeiten zusammenfindet, um durch bessere Jagderfolge, wie sie die Rudeljagd gewährleistet, überleben zu können.

In der Rudelordnungsphase wird natürlich auf der gemeinsamen Jagd von jedem der Jungwölfe die Erfahrung gemacht, daß die Zusammenarbeit unter Führung eines erfahrenen Leittieres den jagdlichen Erfolg sichert. Diese Erfahrung ist also ausgesprochen positiv getönt und wird dazu beitragen, daß auch künftig Gruppenbildung angestrebt wird. Hinzu kommt außerdem die Erfahrung, wie der Einsatz jedes Gruppenmitgliedes zum Erfolg beiträgt, und wie sehr es auf die Fähigkeiten jedes einzelnen ankommt. Kurz, es wird auf diesen gemeinsamen Jagden gelernt, wie befriedigend eine solche Zusammenarbeit ist. Und so wäre es nicht von der Hand zu weisen, daß gerade in diesem Alter auch entsprechende Lernbefähigungen vorhanden sind. Ich selbst kann hierzu natürlich nichts aussagen, da ich meine Hunde nicht in den Wald schicken darf, um sie auf der Jagd zu beobachten, und es hätte auch wahrscheinlich nicht viel Zweck, denn die Elternhunde haben selbst keine Rudeljagd - Erfahrung.

Immerhin habe ich aus meist sehr ungewollten Beobachtungen heraus zumindest eines feststellen können: Im Alter von 5 und 6 Monaten neigen die Junghunde sehr dazu, größere Streifzüge zu unternehmen, und zwar stets gemeinsam. Ist zufällig auch ein älterer Hund zur Hand, so fühlt sich der offensichtlich verpflichtet, mit diesen Junghunden loszuziehen, auch dann, wenn er sonst ein ganz braver Hund ist, der stets dicht beim Hause bleibt. Hier scheint doch ein angeborener Jagdtrieb zu erwachen, das Bedürfnis, in Gemeinschaft auszuziehen. Solche Streifzüge dauern meist nur wenige Stunden, und häufig genug beschränken sich die Hunde damit, einige hundert Meter entfernt auf einer Wiese nach Mäusen zu graben. Aber man kann da auch beobachten, daß sie zwischendurch einander jagen, also Jagdspiele aufführen, und das gibt zu denken. Da ich bedauerlicherweise diese Hunde, denen solche Streifzüge in einem unbewachten Augenblick gelingen, gewöhnlich nur mehr tot zu Gesicht bekomme - die Grubmühle liegt im Grenzbereich von gleich drei Jagdrevieren! -, so kann ich nichts darüber aussagen, welchen Einfluß dieses gemeinsame Unternehmen auf die weitere Entwicklung hat. Ich beneide da immer den Filmhund "Lassie", der stundenlang durch Wald und Flur streifen darf, ohne sofort von Jägern erschossen zu werden. Es hat sich bei uns die Erkenntnis noch nicht so durchgesetzt, daß Junghunde ohne jagderfahrenen Anführer keine Erfolgschancen haben, und sollten sie tatsächlich ein Stück Wild "erbeuten", dann kann es sich nur um eines handeln, das längst hätte ausgemerzt werden müssen; ein gesundes Reh erwischen sie niemals.

Jedenfalls dürfen wir annehmen, daß in dieser Zeit abermals wichtige, teils angeborene, teils erlernte Verhaltensmuster ausgeprägt werden, und wir sollten im Umgang mit unserem eigenen Junghund die Zeit nicht ungenutzt lassen. Hierfür müssen wir uns zunächst zwei wichtige Fakten vor Augen halten: Erstens bleiben wir Elternkumpan, denn wir bringen dem Junghund weiterhin das Futter und gehen nicht mit ihm auf die Jagd - sofern wir eben nicht einen Jagdhund ausbilden. Zweitens bleiben wir mit unserem Hund gewissermaßen in der Rudelordnungsphase stecken, denn er bleibt ja zeitlebens mit uns zusammen, sogar dann, wenn er im Freileben, als Wolf, längst ein eigenes Rudel anführen würde. Wir verschieben also ab da die naturgegebenen Verhältnisse recht einschneidend. Wir müssen daher die Zusammenarbeit, wie sie in der Rudelordnungsphase freilebender Hundeartiger erfahren wird, auf andere Möglichkeiten umleiten. Gemeinsame Jagd erfordert eine gewisse Disziplin. Wir bieten diszipliniertes Spiel - neben dem völlig gelösten, das wir zuvor als gruppenbindend bezeichnet haben - und in ihm erste Vorstufen zu jener Ausbildung, die dem künftigen Verwendungszweck dient. Aber auch dann, wenn wir keinen Diensthund oder Jagdhund ausbilden, ist es sehr anzuraten, dem Hund etwas beizubringen, und wenn es nur kleine, fröhliche Kunststückchen sind. Unser Hund befindet sich entschieden noch in einem ausgeprägten Lernstadium, und wenn wir das nicht nützen, dann wird die psychische Struktur des Hundes verkümmern. Gerade jetzt braucht er uns ja als Rudelführer, von dem er als gut vorbereiteter Schüler die Besonderheiten gemeinsamer Aktionen bis zur Vollkommenheit übt.

Mit solchen kleinen Aufgaben und Übungen, auch jenen, die zur Unterordnung gehören, kann der Mensch seine Stellung als Rudelführer festigen, wobei er mehr durch Selbstsicherheit als durch Gewalt seine Stellung unterstreichen sollte. Der Junghund erwartet ein "Leitbild" des erfahrenen, psychisch überlegenen Anführers und ist keineswegs darauf eingestellt, einem Tyrannen zu Diensten zu sein. Es ist also eine kritische Phase, die sehr leicht zu künftigen Erziehungsschwierigkeiten führen kann, wenn diese Vorrangstellung als umsichtiger und überlegener Meuteführer vom sehr scharf beobachtenden Hund nicht anerkannt werden kann. Er ist jetzt sehr geneigt, die eigene Ranghöhe zu verbessern, wenn das Leitbild versagt. Das beginnt damit, daß er sich weniger um die Wünsche seines Herrn kümmert, bereits gelernte Kommandos geflissentlich überhört, und so fordert er uns heraus. Wir werden dann gern bös und machen alles noch verkehrter - das steigert sich bis zu dem Tag, an dem uns der inzwischen erwachsene Hund direkt droht, oder uns ganz raffiniert überrundet, indem er sich zu einem Haustyrannen entwickelt. Wenn der Herr als Rudelführer versagt, muß es der Hund werden, denn eine Familie ohne Anführer oder Haushaltungsvorstand darf es - zumindest in den Augen des Hundes - nicht geben!

Quelle: Eberhard Trumler, "Hunde ernst genommen", Piper Verlag, 1989, 9.Auflage


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